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21.01.2021

Abschied von Erich Riesenfellner

Am 14. Jänner 2021 verstarb Erich Riesenfellner im 96. Lebensjahr. Viele Jahre hat er in verantwortlicher Position der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten gewirkt.

Wer in den letzten 25 Jahren das Haus Stefanie am Semmering  besucht hat, wird an Erich Riesenfellner nicht vorbei gekommen sein. Interessiert und engagiert bis zuletzt, hat er wohl viele Tausend Mal die kleine Klingel im Speisesaal des Pflegeheims bewegt, um die Mahlzeiten im wahrsten Sinn des Wortes einzuläuten. Kaum verstummte die Klingel, hob er zu einem kurzen Gebet an, dankte Gott für die Gaben und danach konnte das Essen beginnen.

Prägend mitgeholfen hat er auch bei den täglichen Andachten im Haus Stefanie, die morgens und abends stattfinden. Wenn er sie nicht selbst hielt, dann bat er die für kurze Zeit im Haus verweilenden Seelsorger laut, deutlich und langsam zu sprechen und alles, was im Saal von den Zuhörern gesagt wurde, noch einmal vor dem Mikrofon zu wiederholen. So konnten alle, die nicht persönlich zur Andacht kommen konnten, auf ihren Zimmern trotzdem daran teilhaben. Erst in den letzten Jahren nahmen seine Kräfte so ab, dass er diesen Dienst nicht mehr ausführen konnte, auch mitsingen wollte ihm nicht mehr gelingen, obwohl er Musik doch so liebte.

Auch als ihm das Gehen immer schwerer fiel, ließ er es sich nicht nehmen, mit dem Zug durch den Semmeringtunnel zu fahren und auf der Fahrt Bücher an die Reisenden zu verteilen. Er war ein begeistertes Gotteskind und wollte die Freude an seinem Glauben nicht für sich behalten, sondern ihn teilen, wo es nur und solange es noch ging. So war er noch an seinem letzten Tag im Haus Stefanie am Vormittag mit dem Zug unterwegs, kehrte auch noch wohlbehalten heim, stürzte dann aber am Abend in seinem Zimmer und verletzte sich am Kopf, worauf er ins Krankenhaus gebracht wurde, von dem er nicht wieder zurückkehren sollte.

Die Nähe des Hauses Stefanie zur einst weltberühmten Semmeringbahn - das Haus liegt nur einen Steinwurf von der Bahnstation Semmering entfernt, ließ ihn ein Thema entdecken, für das er auch eine große Begeisterung entdeckte: Die Geschichte der Semmeringbahn, vor allem ihres Baus unter der Leitung des visionären Architekten Carl von Ghega samt der sozialen Bedingungen der hart schuftenden Arbeiter hatte es ihm sehr angetan. In einem eigens dafür gewidmeten Raum im Bahnhofsgebäude richtete er ein kleines Museum ein und stand gerne zur Verfügung, interessierten Gästen, Reisenden und Vorbeikommenden davon auch zu erzählen. Ich durfte eines Tages ein solcher sein, der staunend auf spannende Weise in längst vergangene Zeiten von einem begnadeten Erzähler mitgenommen wurde.

Doch waren die letzten 25 Jahre am Semmering ja nur der Ausklang eines Lebens, das fast 100 Jahre währen sollte. Wer so lange lebt, hat viele damalige Weggefährten schon verabschieden müssen und für die Jüngeren ist die damalige Zeit nur bruchstückhaft zu rekonstruieren. Daher vermag der Rückblick in die 70 Jahre Lebenszeit von Erich Franz Riesenfellner dessen Lebensweg nur schemenhaft nachzuzeichnen.

Er wurde am 15. Februar 1925 als Sohn von Paula Riesenfellner in Wien geboren. Der Name seines Vaters findet sich nicht auf der Geburtsurkunde, er selbst gab als Beruf seines Vaters, vermutlich Stiefvaters, Goldschmied an, seine Mutter war Hausfrau, er hatte noch eine Halbschwester. Er wuchs bei seinen Großeltern auf, in Mürzzuschlag in der Steiermark. Weil der Großvater bei der Eisenbahn beschäftigt war, schilderte Erich die Verhältnisse damals als relativ gut und seine Kindheit als geborgen. Es sei alles erlaubt und nichts verboten gewesen, beschrieb er in eigenen Worten diese Zeit. Seine Großeltern seien ihm zeitlebens Vorbilder gewesen. Er hat gerne Fußball gespielt, seit der Volksschule im Chor gesungen, Tiere geliebt und sei sehr gut in der Schule gewesen.

Als schlimmste Zeit seines Lebens hatte er die Kriegsjahre in Erinnerung. Mit 18 Jahren musste er 1943 in den Krieg ziehen, diente in Mähren und Frankreich und geriet 1944 in der Normandie in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 zurückkehrte. Er holte seine Matura nach, studierte Tiefbau an der HTL und arbeitete als Ingenieur bis 1950. Als schönste Zeit seines Lebens beschrieb er die Zeit nach dem Krieg, als er „gläubig wurde und den Sinn des Lebens kennenlernte“, wie er mit zitternden Fingern im November 2020 schrieb. Erich wurde am 15. August 1948 durch die Glaubenstaufe Glied der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten, am gleichen Tag wie Maria Josefa Ranacher, die er am 5. November 1949 heiratete. Als Kriegswitwe brachte sie Tochter Renate mit in die Ehe, eigene Kinder wurden ihnen nicht geschenkt.

In den 1950er Jahren begann er als „Buchevangelist“ zu arbeiten. Dieser Begriff steht für einen besonderen Dienst, bei dem Menschen zuhause besucht werden und ihnen zugeschnitten auf ihre Bedürfnisse wertvolle Bücher vorgeführt werden. Gesundheit, Kinder, Erziehung und Glaube sind die Themengebiete des Buchprogramms. Erich konnte nun seinen Glauben von Haus zu Haus bezeugen und anderen von dem Sinn erzählen, den er gefunden hatte. Einige Jahre später wurde er Assistent im Leitungsteam und schließlich hauptverantwortlicher Betreuer aller Mitarbeiter. Er wurde auch als Pastor eingesegnet und wirkte von 1980 bis zu seiner Pensionierung 1988 zusätzlich als Generalsekretär im Leitungsteam der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten.

Er war sehr väterlich und fürsorglich, es konnte durchaus vorkommen, dass er die Tochter eines Mitarbeiters nach einer Operation im Krankenhaus besuchte, seine Mitarbeiter lagen ihm am Herzen.

Musik und Oper hatten es ihm sehr angetan, Tierquälerei verabscheute er, schrieb er. Das Pflegeteam des Hauses Stefanie erlebte ihn als sehr fotoscheu, nur wenn er gerade eine Katze streichelte, gelang es, Fotos von ihm zu machen, auf denen er lächelte. Seine Liebe zu Katzen teilte er mit seiner Frau, die im Jahr 2016 verstarb. Fast 70 Jahre hatten sie einander durchs Leben begleitet.

Rückblickend auf sein Leben vermerkt er im vergangenen November: „Ein begnadigter großer Sünder dankt Gott für seine ewige Liebe und bittet alle, die er bewusst und unwissentlich verletzt hat um Vergebung.“

Dann gibt er noch einen Bibelvers an, der seine Hoffnung ausdrückt: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!“ Offenbarung 21,1-5.

Die Aussicht und Hoffnung auf diese wunderbare Welt, die Gott versprochen hat, ließ ihn bis zu jenem Tag davon erzählen, als er ins Krankenhaus kam. Eine Operation am Kopf überstand er noch, als er sich dann aber noch mit dem Coronavirus infizierte, war das zu viel.

Er ruht nun und wartet auf jenen Tag, wenn sein Erlöser ihn aus dem Grab rufen wird. Gott tröste seine Tochter, Enkel und Urenkel.

Die Beerdigung findet am 27. Jänner um 13:00 am Friedhof in Maria Schutz statt.

Bild 1 zum Block 3049
Bild 2 zum Block 3049

Autor: Oliver Fichtberger

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