15.05.2020

Die beiden Wölfe

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Selbst wenn sie nicht wahr sein sollte, so ist sie gut erfunden, diese Geschichte, die ich kürzlich aufgeschnappt habe:

Ein alter Indianerhäuptling aus dem Stamm der Cherokees spricht mit seinem Enkel: „Da tobt ein Kampf in mir. Ein schrecklicher Kampf zwischen zwei Wölfen. Der eine Wolf steht für Angst, Ärger, Stolz, Neid, Lust, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Hass, Lüge und Grausamkeit. Der andere Wolf steht für Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Hoffnung, Freigebigkeit, Gelassenheit, Demut, Freundschaft, Wahrheit, Mitleid und Glaube. Und dieser Kampf tobt nicht nur in mir, er tobt auch in dir und in jedem anderen Menschen“, fügte er noch hinzu.
Der Enkel dachte eine Weile über die Worte seines Großvaters nach. Dann fragte er: „Welcher Wolf gewinnt?“ Der alte Häuptling sagte nur: „Der, den du fütterst.“


Von nichts, kommt nichts.
Wer sich die beleidigenden und menschenverachtenden Dialoge mancher Fernsehserien reinzieht, sich dem Hass und der Aggression von Mord- und Totschlagfilmen aussetzt oder sich immer wieder interessiert die Wortgefechte unserer Politiker anhört, braucht sich nicht wundern, wenn das Spuren in seinem Charakter hinterlässt. Paulus warnt: „Lasst euch nicht irreführen, schlechter Umgang verdirbt gute Sitten!“ 1. Korinther 15,33. Wenn wir den falschen Wolf füttern, dann ist die logische Folge, dass in der Familie oder Kirche Konflikte und Spannungen auftauchen, in denen wir uns so verhalten, wie wir es gesehen und gehört haben. Der Stil unseres Umgangs miteinander ist ein deutlicher Spiegel dessen, womit wir uns beschäftigen.


Paulus geht ziemlich radikal mit seinem bösen Wolf um und nennt ihn schonungslos ehrlich „ICH“. Nur den guten Wolf füttern allein ist zu wenig, der böse Wolf muss sterben: „Ich sterbe täglich“, erklärt Paulus. 1. Korinther 15,31. Und trotzdem – oder vielmehr nun echt und wirklich – lebt Paulus endlich: „Nun lebe ich, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir.“ Galater 2,20. Dass etwas in mir sterben muss und ein anderer mein Leben führt – das mag auf den ersten Blick nicht erstrebenswert scheinen.


Aber stell dir vor, wie es in einer – deiner – Kirche zugehen würde, in der alle ganz bewusst den guten Wolf füttern, indem sie sich immer wieder fragen, was Jesus jetzt an ihrer Stelle tun würde und sich seinem Vorbild entsprechend verhalten. Es gäbe mehr Lob zu hören, freundliches Mitgefühl wäre spürbar. Wenn du Probleme hättest, dürftest du sie offen mitteilen, weil du wissen würdest, dass verständnis- und liebevoll zugehört, geholfen und mit dir gebetet werden würde. Andere Meinungen würden interessiert besprochen, eine gemeinsame Sicht gesucht und es würde voneinander gelernt werden. Weil du spüren würdest, dass es die anderen gut mit dir meinen, könntest du dir auch etwas sagen lassen und du würdest erleben, wie dein Horizont weiter wird. Du wärst geliebt, geschätzt und angenommen. Einfach zu Hause. So stelle ich mir Kirche vor.

Autor: Oliver FIchtberger

Bildnachweis: pixabay

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