18.09.2020

Größer als wir

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Ehrlich: ich habe die Dinge gerne im Griff. Es ist so schön, wenn alles wie am Schnürchen läuft und unter Kontrolle ist.

Ich genieße den Überblick, den Durchblick und die erfolgreiche Geburt geplanter Projekte. – Soweit die Theorie. Die Praxis sieht meist ganz anders aus: Zwar wurde uns schon zu Studienzeiten eingebläut, wir sollten den Tag nicht mit vielen Terminen und Aufgaben verplanen, sondern zumindest 20 %, ja sogar 40 % des Tages für Unvorhergesehenes einplanen. Das bekomme ich aber selten hin – zu viel gibt es zu tun, zu kurz ist die Zeit. Dazu türmen sich die Mails im Posteingang und sorgen für neue Einträge im Kalender und manchmal auch neue Lasten im Herzen – und dabei hätte ich so gerne in aller Ruhe Dinge durchdacht, geplant und eins nach dem anderen erledigt. Doch es gibt immer noch mehr zu tun, als Zeit vorhanden ist, selten ein Problem, das sich sofort lösen lässt, nie den Punkt, an dem gesagt werden kann, jetzt ist alles getan und mir dämmert die schmerzliche Wahrheit: Es ist eine Utopie – ich habe niemals alles im Griff.
Wenn ich abends nach Hause fahre und in den Nachrichten höre, wie es gerade in aller Welt zugeht, da sehe ich zwar, dass wir in entscheidenden Momenten dieser Weltgeschichte leben und unaufhaltsam ihrem Höhepunkt zusteuern, tue mir aber schwer, mich darüber zu freuen. Zu sehr bedrückt mich das Schicksal all derer, die in so vielen Gebieten dieser Welt leiden, sterben oder umgebracht werden. Ich fasse das alles nicht.
In einer Zeit, in der von Führungskräften eine starke Hand, Orientierung und Mut erwartet wird, scheint es kontraproduktiv, ehrlich mit den eigenen Grenzen umzugehen.
Doch wenn wir nur ein wenig hinter die Masken angeblicher Stärke schauen, werden wir feststellen: Wir sind als Menschen zu klein geraten, um mit dieser Welt fertig zu werden. Auch als Christ hat man nicht alles im Griff. Es tröstet mich, dass Gott das auch gar nicht von uns erwartet. Weil er groß genug ist. Und wir sind in guter Gesellschaft, wenn wir manchmal hilflos sind wie neugeborene Kinder. David, als Feldherr und König sogar mit staatstragender Verantwortung belastet, gibt schonungslos ehrlich zu, dass so vieles ihn übersteigt und er nur in den Armen Gottes Frieden findet – wie ein kleines Kind:
„HERR! Mein Herz will nicht hoch hinaus, meine Augen sind nicht hochmütig. Ich gehe nicht mit Dingen um, die zu groß und zu wunderbar für mich sind.
Habe ich meine Seele nicht beschwichtigt und beruhigt? Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, wie ein gestilltes Kind ist meine Seele in mir. Harre, Israel, auf den HERRN, von nun an bis in Ewigkeit!“ Psalm 131, nach ELB und BasisBibel.

Autor: Oliver Fichtberger

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