02.07.2021

Hätti – wari – tati?

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Kein Wunder, dass mein Textverarbeitungsprogramm diese Überschrift nicht versteht und sie rot gepunktet unterstreicht. Dies wäre nicht passiert, hätte ich meine ursprüngliche Überschrift gewählt: „Lebe im Indikativ!“

Das aber, so fürchtete ich, würde nicht jeder Leser gleich verstehen, die drei typisch wienerischen Ausdrücke vielleicht schon eher.
Wer Deutsch lernt, quält sich irgendwann mit den Begriffen Indikativ und Konjunktiv herum. Diese beiden aus dem Lateinischen abgeleiteten Begriffe beschreiben zwei unterschiedliche Arten von Ausdrucksmöglichkeiten: Die Wirklichkeits- und die Möglichkeitsform. Ein Beispiel für Erstere: Weil ich gestern rechtzeitig schlafen ging, bin ich heute bestens ausgeruht und fühle mich pudelwohl. Und nun die Möglichkeitsform auf Wienerisch: Hätti gestern net so lang glesen, wari heut besser ausg´schlafen und tati mi besser fühl´n.
Mit fällt auf, dass der Konjunktiv viel zu beliebt ist. Hätten wir dies und das besser gemacht, dann wäre alles jetzt ganz anders und wir täten uns viel leichter und nun müsste dieses und jenes geschehen, dafür bräuchte (grammatikalisch richtiger: „brauchte“) es halt auch jemand, der auch dazu fähig wäre …
Der Konjunktiv modert gerne dort, wo über eigenes Versagen gejammert wird, als dessen Opfer man sich nun fühlt. Leider ändert sich durch Jammern rein gar nichts an der Wirklichkeit. Statt etwas wort- und gefühlsreich zu bedauern, ist es viel sinnvoller, wenn ich die Wirklichkeit mit einem schlichten „Es ist, wie es ist!“ akzeptiere und mich dann frage, was ich tun kann, um sie zu ändern. Denn wenn ich es gestern in der Hand gehabt hätte, etwas so zu tun, dass ich heute zufrieden sein hätte können – dann habe ich heute doch die gleiche Chance für morgen!
Ellen White spricht davon, dass Bildung zum Ziel habe, Menschen hervorzubringen, die Meister und nicht Sklaven der Umstände seien. Erziehung (1954), S. 14. Nun beschränken sich Bildung und Erziehung nicht allein auf die Zeit, in der wir eine Schule besuchen. Wir werden immer Schüler in Gottes Schule sein und daher ist das Teil unserer Lebensaufgabe: Meister der Umstände werden und nicht deren Sklave sein.
So ein Meister werde ich aber nicht, wenn ich im Konjunktiv lebe und über verpasste Möglichkeiten jammere. Anpacken und besser machen, das ist die Devise.
Wenn Jesus uns verspricht, dass die Wahrheit uns frei machen wird (Johannes 8,32), wenn wir in seinem Wort bleiben, dann meint er damit nicht nur, dass wir biblische Wahrheiten akzeptieren sollen. Die Bergpredigt z. B. ist eine Schulstunde darin, den richtigen Blick auf die Wirklichkeit zu bekommen. Er geht hinter all das, was die Leute so behaupten (Ihr habt gehört, …) und nimmt uns mit, die Welt um uns herum mit den Augen Gottes sehen zu lernen (Ich aber sage euch …). Wer diesen durchdringenden Blick lernt, wer mit Jesus an der Seite tiefgehend und durchschauend nachdenkt, sich der Wirklichkeit stellt und sie anpackt, wird sich immer weniger als Opfer sehen, sondern zum Gestalter werden, einem Meister der Umstände.

Autor: Oliver FIchtberger

Bildnachweis: freepik

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