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22.08.2013

Liebe deinen Nächsten...

„Liebe deinen Mitmenschen! Für mich sind das unsere Österreicher“. Spräche eine solche Botschaft einem Nicht-Österreicher ab, ein Mitmensch und damit ein Mensch zu sein? Und wären dann nicht alle Österreicher nur in Österreich Menschen?

Unzählige Wahlplakate in Österreich transportieren derzeit eine scheinbar christliche Botschaft: „Liebe deinen Nächsten“.

Darunter grenzt der Wahlwerber seinen Appell gleich zweifach ein: „Für mich sind das unsere Österreicher“. Alle Nicht-Österreicher sind dieser Definition zufolge keine Nächsten und die Betonung auf „unsere“ Österreicher wirft die Frage auf, ob damit die österreichischen Staatsbürger in zwei Klassen geteilt werden: Solche, die tatsächlich „unsere Österreicher“ sind und jene, die zwar die Staatsbürgerschaft besitzen, aber dennoch nicht zu den „unseren“ zählen?

Der postwendend erfolgten Kritik aus christlichen Kreisen hielt die wahlwerbende Partei samt ihrem Obmann entgegen, dass niemand ein alleiniges Definitionsrecht des Begriffes „Nächstenliebe“ für sich in Anspruch nehmen dürfe. Wer allerdings einen Satz aus dem Mund Jesu zitiert und in vergangenen Wahlkämpfen mit dem Slogan „Abendland in Christenhand“ den Verteidiger christlicher Werte nimmt, darf sich nicht wundern, dass eine derartig krasse Verdrehung des Gebotes der Nächstenliebe Widerspruch hervorruft.

Damit sich der interessierte Leser selbst ein Bild machen kann, hier der Originalbericht der Begebenheit aus dem Buch des Evangelisten Lukas, 10. Kapitel, ab Vers 25. Text und Textfluss sind aus der Basis_Bibel.

Da kam ein Schriftgelehrter
und wollte Jesus auf die Probe stellen.
Er fragte ihn:
"Lehrer, was soll ich tun,
damit ich das ewige Leben bekomme?"
Jesus fragte zurück:
"Was steht im Gesetz?
Was liest du da?"
Der Schriftgelehrte antwortete:
"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit deinem ganzen Herzen,
mit deiner ganzen Seele,
mit deiner ganzen Kraft
und mit deinem ganzen Willen.
Und: Liebe deinen Mitmenschen (Nächsten) wie dich selbst."
Jesus sagte zu ihm:
"Du hast richtig geantwortet.
Halte dich daran
und du wirst leben."
Aber der Schriftgelehrte wollte seine Frage rechtfertigen.
Deshalb sagte er zu Jesus:
"Wer ist denn mein Mitmensch (Nächster)?"
Jesus erwiderte:
"Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab.
Unterwegs wurde er von Räubern überfallen.
Die nahmen ihm alles weg,
auch seine Kleider,
und schlugen ihn zusammen.
Dann machten sie sich davon
und ließen ihn halb tot liegen. 
Nun kam zufällig ein Priester denselben Weg herab.
Er sah den Verwundeten
und ging vorbei.
Genauso machte es ein Levit,
als er zu der Stelle kam:
Er sah den Verwundeten
und ging vorbei. 
Aber dann kam ein Reisender aus Samarien dorthin.
Als er den Verwundeten sah,
hatte er Mitleid mit ihm.
Er ging zu ihm hin,
behandelte seine Wunden mit Öl und Wein
und verband sie.
Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier,
brachte ihn in ein Gasthaus
und pflegte ihn.
Am nächsten Tag holte er zwei Silberstücke hervor,
gab sie dem Wirt
und sagte:
"Pflege den Verwundeten!
Wenn es mehr kostet,
werde ich es dir geben,
wenn ich wiederkomme. "  
Was meinst du:
Wer von den dreien ist dem Mann,
der von den Räubern überfallen wurde,
als Mitmensch (Nächster) begegnet?"
Der Schriftgelehrte antwortete:
"Der Mitleid hatte
und sich um ihn gekümmert hat."
Da sagte Jesus zu ihm:
"Dann geh und mach es ebenso."

Dass die Übersetzer der Basis_Bibel statt dem Wort „Nächster“ den Begriff „Mitmensch“ verwenden, hat einen einfachen Grund: Diese noch recht neue Bibelübersetzung bleibt in ihrer deutschen Wortwahl so nah wie möglich an der ursprünglichen Bedeutung des griechischen Originals, sucht dabei aber gleichzeitig dem modernen Menschen so verständlich wie möglich zu sein.

Die in unzähligen Arztpraxen im Land täglich tausendfach wiederholte Aufforderung: „Der Nächste bitte!“ illustriert, dass der Begriff „Nächster“ im heutigen Sprachgebrauch weitgehend anders besetzt ist, als zu früheren Zeiten. Heute weisen die meisten Worte, in denen der Stamm „nächst“ steckt, auf eine Abfolge hin oder eine zeitliche Chronologie. Zur Zeit Jesu bedeutete „der Nächste“ aber „Mitmensch“.

Und spätestens jetzt, nachdem wir der eigentlichen Bedeutung des Wortes „Nächster“ auf der Spur sind, wird der Unsinn – oder Wahnsinn – dieser  Wahlkampfbotschaft geradezu schmerzhaft. Setzen wir statt dem „Nächsten“ den „Mitmenschen“ ein, dann liest sich das so:

„Liebe deinen Mitmenschen! Für mich sind das unsere Österreicher“. Spräche eine solche Botschaft einem Nicht-Österreicher ab, ein Mitmensch und damit ein Mensch zu sein? Und wären dann nicht alle Österreicher nur in Österreich Menschen und im Rest der Welt nicht mehr?

Nun werden in diesen Slogans und den Wahlkampfreden Vorurteile bedient, denen tatsächlich existierende Probleme zugrunde liegen. Nicht jeder Mensch in Österreich hält sich an die Gesetze. Nicht jeder Mensch in Österreich bringt sich konstruktiv in die Gesellschaft ein. Manche Menschen in Österreich nutzen den Staat aus oder betrügen ihn und andere Menschen. Aber die Menschen, die so etwas tun, sind sowohl Österreicher als auch Nicht-Österreicher.

Folgen wir der Richtung des ausgestreckten Zeigefingers dieser wahlwerbenden Partei in Richtung vieler Länder, dann berührt dieser Finger natürlich auch wunde Punkte. Es gibt eine gewaltige Schieflage im Bereich der Religionsfreiheit in unseren Breiten und der bei uns versuchten Toleranz im Vergleich zu dem Umgang mit Andersgläubigen in anderen Ländern. „Gegenwärtig ist das Christentum die weltweit am stärksten unterdrückte Religionsgemeinschaft. Das christliche Hilfswerk Open Doors gibt an, dass weltweit etwa 100 Millionen Christen in über 50 Ländern wegen ihres Glaubens von Misshandlungen, Folter, Vergewaltigung, Gefängnis oder Tod bedroht seien beziehungsweise wegen Ihres Glaubens benachteiligt und diskriminiert würden.“
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Christenverfolgung#Gegenwart

Dennoch ist sehr fraglich, ob dieses Problem sich löst, wenn Religionsfreiheit und Toleranz auch bei uns unter die Räder kommen und/oder zunehmend eigenwillig interpretiert werden.

So positiv der „barmherzige Samariter“ heute besetzt ist – man denke nur an die nach ihm benannte Rettungsorganisation – für den Gesprächspartner Jesu damals muss die Geschichte über den Mitmenschen deutlich verstörend gewesen sein, wenn er so dachte, wie es dem Zeitgeist entsprach. Denn Jesus hebelt mehrere weit verbreitete Vorurteile aus, dass es nur so krachte. Für die jüdischen Volks- und Zeitgenossen Jesu rangierten die Samariter – ein Nachbarvolk – in der Werteskala in unmittelbarer Nähe von Hunden und Schweinen, die als unreine Tiere galten. Priester hingegen und Leviten (Tempeldiener) waren hoch angesehen im Volk. Jesus lässt sie in dieser Geschichte nicht gut aussehen. Sie schauen weg. Sie machen einen Bogen um den Verletzten. Dabei ist er ein Landsmann. Aber den verhassten Ausländer lässt Jesus hier zum Retter in der Not werden. Er hilft umsichtig, delegiert vernünftig und kümmert sich nachhaltig um den Verletzten.

Am Ende der Geschichte gibt Jesus dem Schriftgelehrten nicht eine einfache und „schöne“ Definition von Nächsten- und Mitmenschenliebe.

Jesus fragt seinen Gesprächspartner, welcher der drei Reisenden dem Verletzten als Nächster oder Mitmensch begegnet ist. Mit dieser Frage führt er den Satz „Für mich ist mein Nächster …“ ad absurdum. Weder Nationalität, Sprache, Hautfarbe, Alter oder Geschlecht entscheiden darüber, ob ein Mensch als Nächster oder Mitmensch definiert und damit eingegrenzt werden darf.  Jesus dreht die Frage: „Wer ist denn mein Nächster?“ um, stellt sie in die richtige Perspektive und  leitet den Blick des Fragenden auf ihn selbst zurück. „Wem bist du der Nächste?“ Das ist die richtige Frage.
Für wen wirst du zum Mitmenschen?

Es ist schon grotesk, dass für einen ausländerfeindlichen Werbeslogan der Satz „Liebe deinen Nächsten“ einer biblischen Geschichte entnommen wird, in der eben ein Ausländer der "Nächste" ist. Und er wird zum „Nächsten“ nicht weil er zu einem bestimmten Volk gehört, sondern weil er sich entsprechend verhalten hat.

Die Moral der Geschichte ist ein pro-aktiver Appell: „Dann geh und mach es ebenso!“
Selbst die so buchstabierte Nächstenliebe im Sinne einer pro-aktiven Mitmenschenliebe wird die Probleme dieser Welt nicht auf einen Schlag lösen. Weil nicht alle Menschen dieser Welt auf einen Schlag so denken und so fühlen und deswegen auch nicht anders handeln als bisher.

Eine solche Art des Miteinanders kann nicht von oben befohlen, sondern sie muss von Mensch zu Mensch gelebt werden. Wer die Geschichte Jesu verstanden hat, dem gilt auch der Aufruf: „Dann geh und mach es ebenso!“

Wer sich auf das Abenteuer einlässt, in diesem Sinne zu handeln, wird die überraschende Feststellung machen, die Eugen Roth in einem Zweizeiler so ausdrückt:

„Ein Mensch ist manchmal wie verwandelt,
sobald man menschlich ihn behandelt …“

Autor: Oliver Fichtberger

Bildnachweis: Christian Grassl: Diese Skulptur des barmherzigen Samariters mit dem Verletzten steht vor der Loma Linda University in Kalifornien, der größten adventistischen medizinischen Universität weltweit.

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