21.12.2018

Nur dumm rumstehen?

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Ein ganz anderer Blick auf die Weihnachtsgeschichte ...

Neben Ochs und Esel scheint er der Statist der Weihnachtsgeschichte zu sein. Joseph. In den meisten Darstellungen der Weihnachtsgeschichte steht er wie bestellt und nicht abgeholt neben der Krippe. Sogar der biblische Text im Lukasevangelium erwähnt ihn nur einleitend und kurz im Ausklang.

Nun ist das nicht ganz verwunderlich: bei einer Geburt spielen wir Männer kaum mehr als eine statische Rolle und sind zum betroffenen Dabeisein reduziert. Aus eigener Erfahrung kann ich authentisch berichten, mich selten so überflüssig gefühlt zu haben wie bei der Geburt unserer drei Kinder. Als Mann einer erfahrenen Hebamme erübrigten sich alle anfeuernden Kommentare meinerseits, ich beschränkte meine Anwesenheit darauf, mir meine Hand zerquetschen zu lassen.

Auch Lukas berichtet völlig nachvollziehbar: Maria brachte das Kind zur Welt, sie wickelte es in Windeln und sie legte es in eine Krippe. Und Joseph? Stand er nur daneben - und dies im mehrdeutigen Sinn? Zu verdenken wäre es ihm nicht gewesen. Als Maria ihm eröffnete, schwanger zu sein vom Heiligen Geist, wähnte Joseph sich wohl im falschen Film. Um sie nicht bloßzustellen, wollte er sich in aller Stille von ihr trennen (Matthäus 1,19 EIN) - was damals konkret bedeutet hätte, dass er ihr die Scheidungspapiere in die Hand gedrückt, die uneheliche Schande auf sich genommen hätte und weggezogen wäre. Ich kann gut nachvollziehen, dass ihm ein Engel im Traum erscheinen musste, bevor er tatsächlich glauben konnte, dass Maria trotz ihrer Schwangerschaft immer noch nur seine Frau war.

Das christliche Gedenken hat meist Maria im Fokus, die sich ohne Widerspruch auf Gottes Plan einließ. Joseph steht häufig am Rand oder gar außerhalb des Scheinwerfkegels der Aufmerksamkeit. Wir müssen uns bewusst in seine Situation hieinfühlen, um zu erkennen, dass er bescheiden im Hintergrund ebenso wie Maria seinen Platz im Plan füllte. Angesichts der nicht durch ihn bewirkten unehelichen Schwangerschaft gelten seine Gedanken dem Wohl seiner Verlobten, weil er erstmal annehmen musste, dass es da einen anderen gab, trotzdem macht er keine Szene. Und ohne Widerrede gehorcht er der Anweisung des Engels, Maria doch zu heiraten. Er hört auf Gott und tut, was Gott von ihm will. Er kann sich selbst zurücknehmen, willig übernimmt er die Rolle als Begleiter, als Unterstützer als Beistand. Er braucht keine "Bühnenpräsenz" mitten drin, er kann im Hintergrund bleiben.

Im Weihnachtslied "Mit den Hirten will ich gehen" heißt es in der fünften Strophe*:

"Und mit Joseph will ich stille
und gehorsam Gottes Wille
Christus geben das Geleit
auch durch tiefste Dunkelheit."

Ein Beistand ist einer, der aushält, wenn es schwierig wird. So wie Joseph. Keineswegs steht er nur dumm rum. Er ist da - auch wenn es dunkel, kalt, gefährlich und ungemütlich ist - und die Stimmung alles andere als weihnachtlich.

Wem kannst du beistehen? Einem Freund, der durch eine dunkle Zeit geht? Deinem Partner, der Zukunftsängste hat? Einem Nachbarn, der eine gefährliche Operation vor sich hat? Dasein, Beistand sein, offen sein für Gottes Hinweise, wo jemand Beistand braucht - so können wir einander beschenken - und nicht nur zu Weihnachten.

Inspiriert vom Geleitwort des Rektors der AWM Traugott Hopp zum Freundesbrief 2018/3

*Im Liederbuch der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal - in anderen Ausgaben fehlt diese Strophe

Autor: Oliver Fichtberger

Bildnachweis: pixabay

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