04.01.2019

„Richtet nicht!“

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Über diese Aussage würde ich mich gerne ausführlich mit Jesus unterhalten: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; ... (Matthäus 7,1-2)

Was meint Jesus genau mit „Richten“? Darf ich niemanden bewerten oder einschätzen? Und wenn ich doch richte, bekomme ich es im gleichen Maß zurück? Von wem? Von Gott? Legt er das gleiche Maß an mich, wie ich in der Reaktion auf ein böses Wort an jemand anderen lege – ein oft verzerrtes, wütendes, verzweifeltes Maß?

Beim genauen Lesen dieses Abschnittes fällt auf, dass Jesus hier von Wechselwirkungen spricht, nicht aber, dass Gott sich so sehr herablässt, mit unserem Maß zu messen. Mir scheint: Jesus schildert hier einen häufig zu beobachtenden menschlichen Reflex: Kaum fängt jemand eine abwertende Bemerkung ein, wird sofort zurück gegiftet.

Kürzlich las ich einen Spruch voll trauriger Wahrheit aus der Feder Ernst Ferstls: „Wer kein Vertrauen zu uns hat, hat keine Probleme damit, uns alles zuzutrauen.“ Auch hier greift das unsägliche von Jesus geschilderte Prinzip sofort: Der Empfänger von Misstrauen, dem alles Mögliche und Unmögliche zugetraut wird, dreht sofort den Spieß um und wirft das Misstrauen und die Unterstellungen mit aller Kraft zurück – wenn nicht offen dem Anderen ins Angesicht, dann zumindest im Herzen. Und der Teufel reibt sich die Hände, denn dadurch werden Beziehungen vergiftet, Kirchen zerrissen, Menschen verfeindet und Generationen auseinandergetrieben.

Jesus ist mehr als nur ein guter Beobachter, er packt das Problem an der Wurzel und weist damit auch den Ausweg aus dem Dilemma: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Matthäus 7,3). Wir haben was am Auge – das ist das Problem! Aus dem Splitter im Auge des Anderen machen wir eine Riesensache und sind gleichzeitig blind für den Balken im eigenen Auge.

Das nächste Mal, wenn du etwas Abschätziges über jemanden sagen möchtest, dann denke daran, dass du erstens nur ein kleines Stück der Wirklichkeit wahrnimmst, zweitens dieses kleine Stück ziemlich verzerrt siehst, drittens postwendend mit ähnlich abschätzenden Worten bedacht werden könntest, und viertens in folgendem Satz von Heinrich Zille ein Kern Wahrheit stecken könnte: „Jeder schließt von sich auf andere und berücksichtigt nicht, dass es auch anständige Menschen gibt.“

Autor: Oliver Fichtberger

Bildnachweis: pk7-pics

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