06.08.2021

Rissige Zisternen

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„Denn mein Volk hat doppeltes Unrecht verübt: Mich verließen sie, die Quelle lebendigen Wassers, um sich Regengruben auszuhauen, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten.“ Jeremia 2,13.

So sehr ich die bildhafte Sprache der Bibel liebe, nötigt sie mir doch immer wieder Denkarbeit ab, wenn ich versuche, sie praktisch auf mein Leben anzuwenden. Immerhin ist die Bibel ja mehr als nur Hausapotheke für Trostpflaster, Energieschübe und geistliche Streicheleinheiten. Gottes Wort sagt mir konkret, wohin die Reise geht, was es zu lernen gilt und wo ich in Gefahr stehe, mich zu verlaufen. Es ist eine Gebrauchsanweisung für mein Leben.  
Das Bild des lebendigen Wassers ist ein beliebtes biblisches Motiv mit tiefer und durchaus radikaler Bedeutung. Wir können nicht auf Vorrat trinken. Eine gewisse Menge Wasser hat in uns Platz, tut seine lebenserhaltende Arbeit in uns, wird verbraucht und wir müssen erneut trinken.

Mit meiner Beziehung zu Gott ist es ganz ähnlich – ich kann nicht auf Vorrat voll mit ihm werden und es dann ganz lange ohne ihn aushalten. Immer wieder muss ich an die Quelle. Durch Jeremia richtet Gott uns aus, dass es eine doppelte Gefahr gibt: Erstens werde ich geistlich trocken laufen, wenn ich aufhöre, regelmäßig von dem zu trinken, was er an lebendigem Wasser für mich vorbereitet hat. Zweitens drängen sich immer wieder Dinge zwischen mich und Gott – und damit an seine Stelle – die nicht geeignet sind, meinen Durst zu stillen. Manches, was meine Aufmerksamkeit erheischen will, ist leicht als rissige Zisterne zu erkennen, es vergeudet Zeit, trocknet mich aus. Aber sogar meine Beziehungen, meine Arbeit, Freundschaften und Hobbies mögen mir wertvoll sein und mich scheinbar füllen – sie sind aber keine Quelle lebendigen Wassers.

Gottes Wasser kann sie mit Segen und Leben füllen, aber es sind nur Gefäße, es mögen gute und kostbare Gefäße sein, sie taugen trotzdem nicht zu Quellen, sie produzieren kein Wasser und können es auf Dauer nicht halten. Selbst meine Frau und meine Familie – so sehr ich sie liebe und für sie dankbar bin – können den Durst meiner Seele nicht stillen. Wir können einander nur etwas geben, wenn wir zuvor von Gott bekommen haben. Sobald wir das Gefäß mit der Quelle verwechseln, gerät alles in Schieflage. Es gibt nur eine einzige Quelle lebendigen Wassers, alles andere und jeder andere ist Gefäß oder möglicherweise ein rissige Zisterne.

Gott tadelt sein Volk. Es ist nie angenehm, wenn uns jemand Unrecht vorwirft. Mancher ist richtig sauer auf den, der ihn zurechtweist. Doch ist es nicht Gottes Absicht, uns ein schlechtes Gewissen zu machen. Wenn wir – aus eigener Schuld – innerlich vertrocknen, schickt er uns nicht eine Runde schämen. Er sagt zwar unverblümt, dass wir auf dem Holzweg sind, seine Quelle aber sprudelt weiter. Sein Tadel ist Vorwurf und Einladung zugleich. Du darfst sofort wieder trinken. Und wieder. Immer wieder. Er hat Wasser genug.

Autor: Oliver FIchtberger

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