28.09.2018

Saure Trauben

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Wie manches verstörendes Kapitel der Bibel bei genauem Hinsehen eine überraschende Botschaft enthält. Auch beim Bibellesen gilt: Vorsicht vor voreiligen Schlüssen!

Es gab ein Sprichwort im alten Israel: „Die Väter essen saure Trauben und die Zähne der Söhne werden stumpf!“ (Hesekiel 18,2). In anderen Worten: Die Söhne müssen ausbaden, was die Väter ihnen eingebrockt haben. Die Wahrheit dieses Sprichworts scheint in der Geschichte der „Rotte Korach“ bestätigt zu werden: Der Vater rebelliert – und die ganze Familie muss bezahlen und wird von der Erde verschlungen (4. Mose 16+17). Sippenhaftung. Diese Begebenheiten im Alten Testament ist gefundenes Fressen für die, die Gott als grausam wahrnehmen – und genug gläubige Menschen haben mit solchen Geschichten in der Bibel ihre liebe Not.

Interessanterweise wehrt sich Gott gegen aber gegen das Sprichwort mit den sauren Trauben, er verbietet es sogar, da es in seinen Augen nicht wahr ist (Hesekiel 18,1-3). Warum? Weil vor ihm jeder persönlich verantwortlich ist,  wie Gott in den restlichen 29 Versen des Kapitels erklärt.

Aber wie war das mit der Rotte Korach? Da wurde doch die ganze Familie ausgerottet, nicht nur der Vater! „… und die Erde öffnete ihren Mund und verschlang sie und ihre Familien und alle Menschen, die Korach angehörten.“ (4. Mose 16,32) Sippenhaftung pur! Das könnte man zumindest meinen, wenn man die Bibel nur auszugsweise liest. Manch Wichtiges steht unscheinbar dort, wo man es gar nicht vermutet: Geschlechtsregister gehören normalerweise nicht zur Kategorie der spannendsten Abschnitte in der  Bibel.  Doch wird in einem solchen, nur ein paar Seiten nach dem traurigen Untergang Korachs, kurz und knapp erwähnt: „Aber die Söhne Korachs starben nicht!“ (4. Mose 26,11).

Also doch keine Sippenhaftung? Warum überlebten die Söhne Korachs? Als sich das Volk an jenem schicksalhaften Tag von den Rebellen entfernen sollte, um nicht mit ihnen unterzugehen, haben sich die Söhne Korachs offensichtlich auch auf den Weg gemacht und sind nicht bei ihrem Vater stehen geblieben. Sie entschieden sich gegen ihn, aber für Gott.  Sie haben eigenverantwortlich gehandelt, sind gegen die damals übermächtig starken Familienbande zu ihrer Überzeugung gestanden und haben den richtigen Weg gewählt. Deshalb starben sie nicht. Ihre Zähne wurden nicht stumpf durch die sauren Trauben, die ihr Vater aß. Später begegnen uns die Nachfahren der Söhne Korachs als Schreiber vieler ergreifender Psalmen. Wie spannend so ein Geschlechtsregister sein kann: Nur ein Satz taucht ein Drama in ein völlig neues Licht!

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Autor: Oliver Fichtberger

Oliver Fichtberger ist der Generalsekretär der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Österreich und verantwortlich für die Pressearbeit der Kirche. Er ist verheiratet und hat drei fast erwachsene Kinder.

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