16.04.2021

Schmecken und sehen ...

Bild zum aktuellen Blog-Eintrag

Vor einigen Tagen trat ich am frühen Abend ins Freie. Es war leicht dämmrig und angenehm warm. Zum ersten Mal nach der kalten Jahreszeit wehte mir mit dem Wind ein Hauch Frühling um die Nase.

Es roch nach feuchter Erde, nach Leben, nach Hoffnung - auch wenn das seltsam klingen mag, genau genommen müsste ich wohl sagen, dass sich in meinem Herzen der Duft mit diesen Begriffen verband. Ich atmete tief ein. „Danke, dass ich das Leben in der Natur wieder spüren kann!“ sagte ich zu meinem himmlischen Vater.
David fordert uns in einem Psalm auf, zu schmecken und zu sehen, wie freundlich der Herr ist. Psalm 34,8. David war ein Naturbursche. Als Hirte und Verfolgter verbrachte er viele Jahre fast ausschließlich im Freien. Dort lernte er, Gott auch mit seinen Sinnen wahrzunehmen. Abgesehen davon, dass es damals kaum mehr als die fünf Bücher Mose gab, wird David kaum mit einer Schriftrolle durch die Gegend gelaufen sein. Er hatte nicht das Vorrecht wie wir, von Gottes Wesen und seiner Liebe zu uns lesen zu können. Wenn David Gott begegnete, dann im Gebet, im Singen und mit allen Sinnen. Er sah und schmeckte Gottes Freundlichkeit.
Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich einen Vogel durch das geöffnete Fenster zwitschern. Fröhlich pfeift er sein Lied und ich freue mich drüber. Da ich allein bin, hört ihn sonst kein Mensch. Er singt für seine Vogelfrau und für mich – wenn ich Ohren dafür habe. Das leise Rascheln des Windes in den Blättern ist beruhigend, eine Labsal für das Herz. Die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut wärmen mich, zusammen mit dem leichten Wind sind sie wie ein zartes Streicheln. Überall sprießt, grünt und blüht es. Da ist eine kleine Blume hinter einem Strauch, die niemand sonst sieht, die niemand beachtet, morgen ist sie vielleicht schon verblüht. Ich aber darf sie sehen, darf an ihr riechen, mich an ihr freuen. Und die frischen Kräuter schmecken so wunderbar: Bärlauch, Sauerampfer, Petersilie, Schnittlauch, Rucola. Bald ist Erdbeerzeit, danach gibt es knackige Kirschen – und ich weiß, es naht der Tag, an dem die Tomaten endlich wieder nach Tomaten schmecken!
Im hektischen Alltag, den ich oft im Auto und in Gebäuden verbringe, schalten gewisse Sinne vor lauter Denken und Reden im Trubel der Aufgaben ab. Das ist schade, weil mir dadurch viel verloren geht, wodurch Gott mich seine Freundlichkeit sehen und schmecken lassen will. Das Gute dran ist, dass ich selbst entscheiden kann, mir immer wieder Momente der Stille zu gönnen, in denen mir Gott in der Natur begegnet. Alle seine Werke „zeugen laut von seiner liebevollen, väterlichen Fürsorge und von seinem Verlangen, seine Kinder glücklich zu machen.“ (EGW, Der Weg zu Christus, S. 4)
Auch wenn unsere Welt durch die Sünde entstellt ist, können wir in der Natur noch immer die Spuren des Schöpfers wahrnehmen: „Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist!“

Autor: Oliver Fichtberger

Bildnachweis: istock/Stephen

Gottesdienste online