15.11.2019

Vergeben und vergessen?!

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„Vergeben kann ich, aber vergessen nie“ - kommen dir solche und ähnliche Gedanken bekannt vor? Vielleicht hat dir jemand Unrecht zugefügt, vielleicht bist du verletzt worden

– und nun stehen wir da mit dem Problem, dass wir als Christen in unserer Vergebungsbereitschaft gefordert sind. Nein, es ist nicht einfach, dem anderen die Hand zu reichen, zu vergeben – und zu vergessen. Das wusste auch der Jünger Petrus, der sich mit seinem Leben im Jüngerkreis auch nicht immer leicht tat. Schließlich wandte er sich mit einer dringlichen Frage an Jesus, seinen Herrn und Meister: „Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal?“ (Mt.18,21) Siebenmal vergeben – fällt uns das leicht? Stellen wir uns diese Situation doch einmal ganz bildlich vor: Ein Mitmensch fügt mir siebenmal Unrecht zu. Einmal vergeben, das geht ja noch. Ein zweites Mal ist auch noch drin. Beim dritten Mal fragen wir uns schon, ob es nicht ein bisschen zu viel des Guten bzw. des Bösen ist. Und beim vierten Mal fühlen wir uns so verletzt, dass es zu einem handfesten Krach kommt. Jemandem siebenmal zu vergeben, legt die Latte schon recht hoch. Aber Jesus legt sie noch höher, wenn er Petrus antwortet: „Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“ (Mt.18,22). Eine symbolische Zahl, die meint: immer und immer wieder. So viel Vergebungsbereitschaft ist von uns gefordert? Wie soll ein „normaler“ Mensch das zustande bringen? Wie würden unsere Gemeinden aussehen, wenn wir einander so viel Vergebung gewähren könnten? Wie viele Krisen und wie viel Kränkung könnten dadurch vom Tisch gewischt - wohlgemerkt: nicht unter den Teppich gekehrt - werden? Doch vielleicht wird hier Übermenschliches von uns verlangt. Andrerseits: wie sehr brauchen wir selbst Vergebung, du und ich? Wie oft haben wir unseren Gott schon um Vergebung gebeten? Wie oft sind wir an unseren Brüdern und Schwestern schuldig geworden? Das berühmte Gleichnis vom „Schalksknecht“ (Mt.18,23-35), das Jesus anschließend an die Frage von Petrus erzählt, erinnert uns daran, wie viel Vergebung wir selbst von Gott erhalten haben. Wer sich seiner Schuld bewusst ist und dankbar die Gnade Gottes für sich angenommen hat, der wird schwer harten Herzens vor dem stehen, der Vergebung braucht. Ja, Gott schenkt uns die Zeit, die wir brauchen, damit unsere Wunden heilen können und Schlimmes aufgearbeitet wird. Ein schnell dahin gesagtes „Entschuldigung“ macht weder für uns noch für andere eine leidvolle Zeit wieder gut. Versöhnung ist ein Prozess - auch die Versöhnung mit der eigenen Geschichte. Gott begleitet diesen Prozess in einer liebevollen und geduldigen Weise. Das kann und soll es uns leichter machen, selbst zu vergeben - und zu vergessen! Vergebung ist eine Entscheidung, keine Gefühlssache - und wer vergibt, wird selbst frei von Hass und Rachegedanken. Probieren wir es aus - schenken wir einander Vergebung und ein Stück des Reiches Gottes wird erlebbar werden.

Autor: Claudia Flieder

Bildnachweis: pixabay