03.05.2019

Wahrheit

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Geht es in einer Diskussion hoch her, kann es schon mal vorkommen, dass ich bestimmte Floskeln verwende, um meinen Argumenten mehr Gewicht zu verleihen: „Tatsache ist…“ gehört da noch zur harmloseren Sorte.

Will ich „endlich mal Klartext reden“, dann wird es schon eng. Am allerdicksten lässt es sich auftragen, wenn ein Satz mit „Jetzt muss einer endlich mal die Wahrheit sagen“ eingeleitet wird. Was nun kommt, muss geradezu epochalen Enthüllungscharakter haben und entscheidende Erkenntnisse bringen. Ist ja immerhin die Wahrheit. Endlich fasst sich jemand ein Herz, sie auch zu sagen. Ich. Weil ich ja der Gralshüter der Wahrheit bin. Leider verstehen manche die Wahrheit nicht. Wie könnte sonst prompt die Replik kommen: „Ist ja gar nicht wahr!“ Wer lügt jetzt? Nun - vielleicht keiner. Wahrscheinlich täten wir uns leichter, würden wir in manchen Gesprächen einen deutlicheren Unterschied machen zwischen DER Wahrheit und meiner und deiner Wahrheit – also dem, was von der wirklichen Wahrheit in unsere beschränkte Sicht der Dinge einzudringen vermag. Bitte nicht missverstehen: Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine absolute Wahrheit gibt. Sie in Frage zu stellen, nähme aller Ordnung die Substanz und öffnete der Sinnlosigkeit Tür und Tor. Was aber in Frage zu stellen ist, ist unsere Fähigkeit, diese absolute Wahrheit zu erfassen, zu begreifen und in unverfälschter Weise wiederzugeben.

„Was ist Wahrheit?“, fragte Pilatus Jesus und wandte sich von ihm weg, bevor ihm dieser eine Antwort geben konnte. Scheinbar war es ihm lieber, sie erst gar nicht zu erfahren. Schade. Bei Jesus wäre er genau an der richtigen Adresse gewesen. Nur wer alles weiß, alles durchschaut und alle Zusammenhänge versteht, kann die Wahrheit kennen. Bei Jesus trifft dies zu, sodass er von sich sogar sagen kann, die Wahrheit zu sein. Wenn sich in mir wieder einmal der Drang einstellt, auf den Tisch zu klopfen und endlich mal die Wahrheit zu sagen, weil ich mich über dies oder das aufrege, dann suche ich die Stille und schreibe Gott einen Brief. Ich erzähle ihm, wie ich mich fühle, was ich mir denke und wie meine Sicht der Dinge aussieht. Dann frage ich ihn: „Wie siehst du das?“ und bitte um eine Horizonterweiterung. Und tatsächlich: Gott lenkt meinen Blick auf neue Aspekte und ergänzt meine Sicht, ja manchmal kehrt er sie geradezu um. Die Gedanken, die er mir schenkt, halte ich schriftlich fest. Dadurch prägen sie sich besser ein. Das Spannende ist: Je mehr Aspekte einer Situation ich verstehe, umso mehr Möglichkeiten sehe ich auch, darauf zu reagieren. Und meine Sicht der Wahrheit einem anderen vor den Kopf zu knallen, ist noch nie die beste Reaktion gewesen. Wer weiß, dass er so gut wie nichts weiß, tut sich auch leichter, erst einmal genau hin zu hören, in der Antwort vorsichtiger zu sein und weniger leicht zu verletzen.

Autor: Oliver Fichtberger

Bildnachweis: pk7