19.03.2021

Was willst du?

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Das folgende kleine Gedicht stammt aus der spitzen Feder Eugen Roths:

Ein Mensch erhofft sich
leis und still,
dass er einst das kriegt,
was er will;
bis er dann doch
dem Wahn erliegt
und schließlich das will,
was er kriegt.

 

Was willst du?
Es scheint eine einfache Frage zu sein. Aber könntest du sie sofort beantworten? Wie aus der Pistole geschossen? Weißt du, was du willst? In Markus 10 werden hintereinander zwei Geschichten erzählt, in denen Jesus diese Frage stellt - und zwei völlig unterschiedliche Antworten bekommt. Die Frage hat es in sich, sie ist brillant, sie kommt zum Punkt, entlarvt und erhellt. Sobald wir sie ehrlich beantworten, überwindet sie die Mauern, die wir zu unserm Schutz um uns aufgestellt haben und blickt hinter die Masken, hinter denen wir uns verstecken. Denn mit unserer Antwort verraten wir, wovon wir wirklich erfüllendes und sinnvolles Leben erwarten. „Wenn ich nur das hätte …” oder “Wenn nur das passieren würde …“ Wonach sehnst du dich am meisten?
Sie kommen heimlich die beiden, Jakobus und Johannes, und bitten Jesus unverblümt: „Lehrer, wir wollen, dass du uns tust, um was wir dich bitten werden.“ Markus 10,35. Jesus fragt zurück: „Was wollt ihr, dass ich euch tun soll?“ Markus 10,36.
Für Jakobus und Johannes lautet die Antwort: Ehre, Einfluss, Macht. Sie wollen rechts und links an der Seite Jesu sitzen, an den wichtigsten Plätzen – was nicht weiter überrascht, immerhin stritten die Jünger dauernd, wer der Größte wäre und auch jetzt sind die restlichen zehn richtig sauer, als ihnen die Intrige der beiden zu Ohren kommt.
Ganz anders die anschließende Geschichte. Jesus kommt nach Jericho, geht am blinden Bettler Bartimäus vorbei. Der hat ganz andere Sorgen. Sein Platz in der Gesellschaft ist am untersten Ende der Leiter, so fleht er um Erbarmen. Und allen „Scht!“, „Sei ruhig!“, „Beruhig´dich!“ und „Was soll der Lärm?“ Attacken gegen ihn trotzend, steht er auf einmal vor Jesus. Und Jesus stellt ihm die gleiche Frage, wie er sie Jakobus und Johannes gestellt hat. „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Jetzt wird auch er sein Innerstes nach außen kehren und die tiefste Sehnsucht seines Lebens verraten. Er sagt schlicht und es wundert uns wenig: „Herr, dass ich sehen kann!“
Dass Markus uns diese beiden Geschichten hintereinander erzählt, ist kein Zufall. Wären nur Jakobus und Johannes auch so weise gewesen, Jesus zu bitten, wirklich sehen zu können. Leider aber dachten sie, sie könnten bereits sehen und wüssten, was sie wirklich brauchten. In welche der beiden Geschichten passt deine Antwort auf die Frage: Was willst du, dass Jesus dir tun soll?

Autor: Oliver Fichtberger

Bildnachweis: freepik/kues1

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