Vergeben und vergessen?

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Wenn du dich als aufmerksamer Leser von diesem Weblog angesichts dieser Überschrift fragst, ob wir versehentlich einen Artikel ein zweites Mal bringen, so kann ich dich beruhigen:

Nein, ich greife nur den Faden dieses Themas noch einmal auf.
Wenn jemand sagt: „Vergeben will ich dir schon, aber vergessen kann ich das nicht!“, dann macht uns so ein Satz meist Bauchweh, weil er wie ein Versprechen klingt, die ganze Sache schön warm zu halten und sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder aufs Butterbrot zu schmieren. Zu Recht fragen wir uns, ob das tatsächlich Vergebung ist, wenn die Erinnerung an einen Fehler ständig wachgehalten wird.
Nun ist es aber rein physiologisch so, dass wir eigentlich gar nichts vergessen können. Alles, was wir erleben, wird in irgendeiner Gehirnwindung gespeichert und bleibt dort. Allenfalls sorgt eine gute Aufarbeitung und echte Vergebung dafür, dass die Erinnerung nicht mehr schmerzt oder so gut abgelagert wird, dass sie sich nicht mehr in den Vordergrund drängt.
Wenn wir also etwas gar nicht vergessen können, so behaupte ich nun, dass wir es auch nicht vergessen sollen. Versuche ich mit jemand etwas in Ordnung zu bringen und er sagt mir nur: „Ach vergessen wir´s, Schwamm drüber!“, dann ist das möglicherweise einer echten Vergebung ebenso abträglich, wie das ständige Warmhalten eines Fehlers. Wenn wir aufeinander zugehen und Vergebung suchen, dann gehört die Sache ordentlich ausgesprochen. Das geht nicht einfach „schnell, schnell“. Selten ist nur einer verantwortlich für eine schwierige Situation. Da gibt ein Wort das andere, Emotionen schaukeln sich auf, der eigene Blick ist sehr verengt und schnell die Verstimmung da. Suchen zwei Menschen nach Vergebung und Klärung, dann müssen sie sich Zeit nehmen, aufmerksam sein und offen. Je klarer und ehrlicher Gedanken, Gefühle und Blickwinkel von beiden Seiten erklärt und gegenseitig verstanden werden, umso eher besteht die Chance, erstens eine Situation zu bereinigen, zweitens zu einem neuen Miteinander zu gelangen und drittens gereift aus dieser Erfahrung heraus zu kommen - weil beide dazu gelernt haben.
Nun haben wir schon als Kinder begriffen, dass „Lernen“ und „Vergessen“ keine guten Partner sind. Daher wäre es geradezu widersinnig, wollten wir alles, was mit Fehlern zu tun hat, sofort vergessen. Natürlich ist es unangenehm, schmerzhafte Situationen im Zuge der Aufarbeitung quasi wieder aufleben zu lassen. Aber wer sich seinen Fehlern nicht stellt und nicht bereit ist, ihnen auf den Grund zu gehen, sondern lieber vergessen und verdrängen will, steht in der Gefahr, die gleichen Fehler immer und immer wieder zu machen. Nur wenn ich eben nicht vergesse, was gestern dazu geführt hat, dass ich meinem Partner, einem Bruder, einer Schwester oder einem Freund weh getan habe, kann ich mich heute daran erinnern und es besser machen.

Autor: Oliver Fichtberger

Bildnachweis: Fotolia /Andrea Danti

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