Ich vergebe dir!

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Er war ein kleiner, lustiger und meist fröhlicher Mann. Als ich ihn bei meinen Besuchen im Lungauer Ort Zederhaus kennenlernte, war er bereits so alt, dass er nur mehr mit Krücken gehen konnte, was seiner guten Laune keinen Abbruch tat.

Er war sein Leben lang Knecht gewesen, hatte nie die Chance gehabt, sich etwas Eigenes zu schaffen, so verbrachte er seinen Lebensabend bei einer freundlichen Bäuerin, die ihn gnädig bei sich wohnen ließ. Es war ein Erlebnis, sich mit ihm zu unterhalten: Seine Augen blitzten vor Lebensfreude, seine Gedanken waren witzig und frisch und konnten sich noch viel schneller bewegen als seine Beine. Als wir auf Gott und den Himmel zu sprechen kamen, glitten wir jedoch in eine ernste Atmosphäre. Er meinte dann: „Gott muss mich auf jeden Fall in seinen Himmel nehmen, das ist er mir schuldig!“ Ich wollte natürlich wissen, wie er zu dieser kühnen Sicherheit kam. Da fing er an zu erzählen über den Pfarrer und den Lehrer im Dorf, die ihn bereits als kleinen Jungen viele Jahrzehnte zuvor über die Maßen übel behandelt hatten. Dabei verschwand alle Fröhlichkeit aus seinen Augen, Zorn und Hass sprühte aus ihnen, eine giftige Stimmung umgab ihn. Er habe so viel Ungerechtigkeit in seinem Leben erlebt, dass Gott ihm den Himmel einfach schulde, erklärte er mir heftig.

Die meisten der Menschen, die ihm Böses angetan hatten, waren längst tot. Dennoch konnten sie ihm immer noch den Tag vergiften. Immer noch hatten sie Macht über ihn, wenn er an sie erinnert wurde. Das Böse, das sie ihm angetan hatten, machte ihn unfrei und hielt ihn gefangen. Er tat mir leid.

Manchmal geht es mir aber wie ihm. Wenn ich mich verletzt fühle, kann es schon mal passieren, dass ich um vier Uhr morgens aufwache und meine Gedanken um das Böse kreisen, das mir angetan wurde. Dann gehen keine freundlichen Gefühle in Richtung des Urhebers meines Schmerzes – der zur selben Zeit wahrscheinlich friedlich in seinem Bett liegt und schläft. Im Gegensatz zu mir, der ich mir mit meinem Grämen in aller Früh den Tag vermiese und mir damit nur selbst schade. Jesus sagte einmal: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.“ Matthäus 6,14. Jesus, meinst du damit, dass ich von deiner Vergebung meiner Sünden nichts habe, solange ich meinen Ärger über das Böse anderer in mich hineinfresse? Bietest du mir damit an, dass ich dir meinen Schmerz geben darf und du mir helfen willst, in deinem Sinne damit umzugehen? Du bist Unrecht auch entgegengetreten - aber ohne, dass dich der Ärger darüber mit Hass erfüllte und dir den Schlaf raubte. Herr Jesus, bitte lass mich das lernen! Gelegenheiten dazu habe ich ja genug …

Autor: Oliver Fichtberger

Bildnachweis: pk7

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